Eine Runde geht noch
Jede Stunde eine Runde von 6,7 km laufen - dieses Rennformat hat Tradition und Momentum. Norbert Lüftenegger ist der Mann hinter dem Austria Backyard Ultra.
(Egon Theiner) „Komm, Fabio, eine Runde geht noch." Es ist Samstagabend in Amstetten. Norbert Lüftenegger und sein Sportsfreund Fabio sind die Letzten, die noch laufen. Jede Stunde eine Runde, 6,706 Kilometer, immer wieder – bis einer nicht mehr kann. Einer wird siegen. Einer wird der „Assist" sein, jener, der den anderen bis zum Ende mitgezogen hat. Beim Backyard Ultra ist auch das eine Ehre. Lüftenegger gewinnt. Und qualifiziert sich damit – zumindest vorläufig - für das österreichische Nationalteam.
Der Mann aus Obertrum am See, Jahrgang 1977, hat den Sport erst mit 35 entdeckt, nachdem er viel Zeit in der Kneipe verbracht hat. Aus dem Laufen wurde der Triathlon, zuerst kurz, dann länger. 2014 finishte er seinen ersten Ironman in Klagenfurt, zwei Monate später stand Lüftenegger beim Doppel-Ultratriathlon in Slowenien am Start. 2015 folgte der erste Höhepunkt: Beim Quintuple Ultra Triathlon in Mexiko – 19 km Schwimmen, 900 km Rad, 211 km Laufen – gewann er den IUTA-Gesamtweltcup und stellte einen Weltrekord auf. 2019 stand Lüftenegger am Olymp des Ultra Triathlons: Weltrekord im DoubleDeca Ultra Triathlon in der Schweiz – 76 km Schwimmen, 3600 km Rad, 844 km Laufen – erneuter Sieg des IUTA-Gesamtweltcups mit historischem Punkterekord.
Den nächsten Schritt fand er in Deutschland, bei einem Backyard Ultra. Er war sofort begeistert – und stellte fest: So ein Event gibt es in Österreich nicht. Also organisierte er es selbst.
Was ist ein Backyard Ultra? Jede Stunde startet eine neue Runde von exakt 6,706 Kilometern. Wer die Runde nicht rechtzeitig beendet, scheidet aus. Wer aufhört, scheidet aus. Der letzte Verbliebene gewinnt – alle anderen haben ein „did not finish“. Es gibt keine feste Distanz, kein festes Ziel, das zu erreichen ist. Nur die nächste Runde. Und die übernächste. Und irgendwann jene, die man sich selbst nicht zugetraut hätte. Der Weltrekord steht übrigens bei 119 Runden (also gleich Stunden) oder, wie es in der Fachsprache heißt, „Yards“. Aufgestellt wurde diese Marke vom Australier Phil Gore 2025.
Powernaps zwischen den Runden gehören zur Taktik, langsames Tempo ist keine Schwäche, sondern Klugheit. Wer sich nie trauen würde, einen Ultra zu laufen, schafft beim Backyard Distanzen, die er oder sie selbst nicht für möglich gehalten hätte. Das Format verzeiht Pausen, im Gegenteil, fordert sie ein. Es belohnt Geduld. Und es verbindet Menschen, die einander über die nächste Runde hinausziehen.
2021 fand der erste Austria Backyard Ultra statt. Heute zählt die Series 2.000 Anmeldungen pro Jahr, fast alle Events sind ausgebucht. Auf die Einwohnerzahl gerechnet ist Österreich Weltmeister. Anfang August wird „Mr. Backyard“ Lüftenegger 49 – und hat sich seinen Platz im Nationalteam verdient. Runde für Runde. So wie immer.
Webtipps
www.norbert-lueftenegger.at
https://www.austriabackyardultra.com/

