20 Jahre Tour de Tirol

Martin Kaindl steht an einem JOL-Messestand am Kalterer See, als wir miteinander sprechen. Eigentlich ist er immer in Bewegung – so wie seine Veranstaltung seit 20 Jahren Menschen in Bewegung bringt.

2005 war dies, 118 Läuferinnen und Läufer waren an drei Tagen an drei verschiedenen Orten dabei – in Kitzbühel, auf der Hohen Salve, in Ellmau. „Sehr kompliziert mit Logistik, Organisation und Teilnehmern an drei Orten", erinnert sich Kaindl. Also kam es zu Veränderungen: Ab dem zweiten Jahr lief die Veranstaltung in Söll zusammen, seit 15 Jahren findet dort alles statt. Angekommen. Zuhause.

Die Grundidee war so einfach wie faszinierend: Paul Tergat lief 2003 in Berlin den Marathon in 2:04 Stunden – damals Weltrekord. Jonathan Wyatt gewann alles, was es im Berg(auf)laufen zu gewinnen gab. Und die Frage stand im Raum: Wer ist der kompletteste Läufer? Einer, der den flachen Zehner sprintet, den Bergmarathon bezwingt und den Halbmarathon ebenso beherrscht? Diese Frage ist die DNA der Tour de Tirol. „Sie ist die Suche nach dem kompletten Läufer", sagt Kaindl. Und dieser Satz ist nicht Marketing. Er ist das Fundament.

Wyatt hat die Antwort dreimal gegeben – dreimal gewann er die Gesamtwertung. Weitere Namen, die in der Siegerliste stehen: Patrick Wieser, dreifacher Sieger und WM-Teilnehmer mit einer Marathonbestzeit von 2:17 Stunden. Marc Lauenstein, Berglauf-Weltmeister, gewann 2009 die Langdistanz-WM beim Kaisermarathon in Söll in einem der dramatischsten Rennen der Veranstaltungsgeschichte. Robbie Simpson. Martin Cox. Und dann ist da Thomas Roach – der gebürtige Brite aus Sussex lebt in Innsbruck und kennt die Tiroler Bergwelt wie seine Westentasche. 2021, 2022 und 2023 gewann er die Gesamtwertung in Folge und holte „nebenbei“ bei der Weltmeisterschaft im Trail Running 2023 in Innsbruck-Stubai Silber im Short Trail sowie Teamgold für Großbritannien.

Drei Tage, vier Bewerbe, ein Erlebnis

Das Programm umfasst drei Tage und vier Bewerbe. Am Freitag eröffnet der Söller Zehner die Tour – zehn Kilometer durch und rund ums Dorf. Am Samstag folgt der Kaisermarathon hinauf auf die Hohe Salve. Und am Sonntag gehört die Bühne dem Pölven Trail: Auf 23 Kilometern und 1.274 Höhenmetern führt die Strecke über flowige Waldtrails und vorbei am Häringer Wasserfall hinauf zum Juffinger Jöchl auf 1.181 Metern – von wo der Blick auf die Bergwelt der Kitzbüheler Alpen und des Wilden Kaisers atemberaubend ist – und wieder zurück nach Söll. Mit 800 Starterinnen und Startern ist er der teilnehmerstärkste Bewerb des Wochenendes. „Weil Laufen flach und auf Asphalt kann man auch anderswo", sagt Kaindl trocken.

Von 9. bis 11. Oktober 2026 feiert die Tour de Tirol ihr 20. Jubiläum mit einer (zusätzlichen) Ultra-Variante. Wer will, läuft am Samstag von Söll hinauf zur Hohen Salve – und kann dort entscheiden: Ziel erreicht, Bergmarathon absolviert. Oder weiter über Ellmau und zurück nach Söll, ein großer Kreis durch die Bergwelt des Wilden Kaisers. Wer den Ultra läuft, kann trotzdem Freitag und Sonntag die anderen Bewerbe mitlaufen. Auf der Ultradistanz ist die Veranstaltung quasi ausverkauft, insgesamt werden 2026 zwischen 2.500 und 3.000 Menschen an den Startlinien stehen – ein Rekord.

Das Geheimnis: Einfachheit und Kontinuität

„Warum die Tour de Tirol laufen? Weil alles ganz einfach ist", sagt Kaindl. Anreise, Unterkunft, zu Fuß vom Hotel zum Start und vom Ziel zurück – kein Stress, keine langen Wege. Die meisten Helfer sind seit 20 Jahren dabei, die Qualität bleibt hoch, weil die Menschen bleiben. „Familiär und hochqualitativ – das ist kein Widerspruch", sagt Kaindl. Und dann kommt dieser Satz, der alles über seine Haltung sagt: „In einen Wettkampf über Teilnehmerzahlen will ich nicht rein. Es reicht, wenn ein bisschen Geld für den Verein übrig bleibt."

JOL Sport, ein Sportfachhandel, und die Tour de Tirol wurden im gleichen Jahr gegründet. 2005, im November, meldete Kaindl seine Firma an. „JOL" ist kein erfundener Markenname – es ist sein Hofname, sein Bauernname. Martin Kaindl vulgo Jol. Am 17. August wird er 59, seit 30 Jahren läuft er Marathons und Triathlons, und mit 60 will er einen Marathon unter drei Stunden schaffen. Jeden Dienstag trifft sich sein eigener Lauftreff – die Kerntruppe der Tour de Tirol, es ist organisatorischer Gedankenaustausch und gemeinsames Training in einem. „Wir bleiben auf dem Laufenden, weil wir selbst noch laufen."

Sieger bekommen in diesem Jahr übrigens keinen Pokal, sondern einen eigens kreierten Tour de Tirol-Wein – einen Pinot Noir 2024 vom Kollerhof in Auer-Neumarkt im Südtiroler Unterland. Weil auch das zur Philosophie passt: lieber etwas Besonderes als etwas Übliches.

Webtipp:
www.tourdetirol.com

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