Der "Berglaufpapst"
Er schläft bis zehn, frühstückt in Ruhe, isst zu Mittag und ist bis Mitternacht auf. Draußen steht sein Mopedroller, und er fährt noch selbst. Franz Puckl ist 90 Jahre alt – und er ist noch nicht fertig.
(Egon Theiner) Er kam in einem Zug zur Welt, am 30. Dezember 1935, irgendwo auf der Bahnstrecke Graz–Puntigam. Als wäre selbst der Beginn seines Lebens schon in Bewegung gewesen, als hätte das Schicksal gesagt: Dieser hier bleibt nicht stehen. Und er ist nicht stehen geblieben – nicht als Kind, das noch zu Kriegszeiten Fußball spielte, nicht als junger Mann, der zunächst Tischler wurde, dann auf dem Bau arbeitete und dann drei Jahrzehnte in der Skiproduktion tätig war, wo er sich das Wissen über Skiausrüstungen und Menschenseelen aneignete, das man nur durch die Hände bekommt.
An einem Samstagmorgen im August 1979 stand Franz Puckl kurz nach fünf Uhr auf, fuhr mit dem Auto nach Kitzbühel, lud Absperrgitter aus und trug Startnummernbögen zum Tisch vor dem Zieleinlauf. Die Sonne war noch nicht über den Kaiser, als die ersten Läufer eintrafen – schüchtern fast, als wären sie sich nicht sicher, ob das hier wirklich stattfindet. Es war der erste Hornlauf, ohne Vorbild, ohne Handbuch, ohne Budget, nur eine Idee und ein Mann, der sie nicht losgelassen hatte. Am Abend, als die letzten Läufer im Ziel waren und das Kitzbüheler Horn im Abendlicht leuchtete, saß Franz Puckl auf einer Bierbank, trank ein Bier und sagte nichts. Er schaute nur hinauf. Dass 700 Menschen eines Tages wegen dieses Abends hier oben ankommen würden, wusste er noch nicht.
Er war fast überall: Borneo, Alaska, Réunion – überall dort, wo Menschen laufen, tauchte irgendwann auch Franz Puckl auf, mit Laufschuhen im Gepäck und einem kleinen Heftchen in der Jackentasche. 2.154 Wettkämpfe hat er darin eingetragen, jeden einzelnen, mit Datum, Strecke und Zeit, und inzwischen sind es 73 Heftchen, die ordentlich aufgereiht in einem Regal in Going stehen – wie eine Bibliothek aus verbrauchten Schuhsohlen. „Darauf lege ich großen Wert", sagt er. Nur Australien und Neuseeland fehlen noch, zwei weiße Flecken auf einer Landkarte, die sonst kaum noch Lücken hat. Ob ihn das stört? Er zuckt die Schultern und sagt dann diesen Satz, der so einfach klingt und so wahr ist: „Am schönsten ist es daheim." Daheim – das ist Going, Kaiserweg 100, gleich beim Stanglwirt rauf, am Fuße des Wilden Kaisers, wo die Berge so nah sind, dass man glaubt, man müsste nur die Hand ausstrecken.
Im Frühherbst 2013 trat er zum ersten Mal nach der Operation wieder vor die Tür. Die Prothese saß noch fremd an seinem Körper, jeder Schritt war ein Nachdenken, und er ging langsam die Straße entlang, den Blick auf den Asphalt gerichtet, ein paar hundert Meter, nicht mehr. Irgendwann blieb er stehen und schaute hinauf – zum Astberg, zum Horn, zu den Wegen, die er tausendmal gegangen war – und wusste in diesem Moment, dass er sie so nie wieder gehen würde. Er nennt sich selbst ein „Hinkebein", einen „Hatscher", und er sagt das ohne Bitterkeit, einfach so, als wäre es eine Wettervorhersage. Aber wer genau hinhört, ahnt, was dieser Satz kostet. Und doch war er 2026 bei der M90-Meisterschaft über eine Meile in Attnang-Puchheim an der Startlinie – mit Prothese und kaputten Knien. „Bin nur gehatscht", sagt er. Manchmal sagt ein einziger Satz alles über einen Menschen.
64 Jahre war er verheiratet, vor drei Jahren ist Berta gestorben, und zurückgeblieben sind fünf Kinder, vier Mädchen und ein Bub, elf Enkelkinder und vierzehn Urenkel. Die älteste Tochter schaut am meisten nach ihm, dreimal pro Woche kommt das Essen auf Rädern, und den Rest macht er selbst. Die Wohnung ist ordentlich, das Regal mit den 73 Heftchen und all den vielen Pokalen auch, und irgendwo steht noch der Sportschrank mit den Laufshirts und Jacken aus fünf Jahrzehnten – jedes ein Rennen, jede eine Reise, jedes ein Tag, an dem er nicht stillgestanden hat. „Die große Familie tut nicht weh", sagt er. „Aber sie belebt." Dieser eine Satz könnte über seinem ganzen Leben stehen.
Er hat übergeben – den Hornlauf an Veronika Neumayer, den Verein, die Verantwortung – und das ist kein einfacher Schritt für jemanden, der Jahrzehnte seines Lebens darin investiert hat, Dinge aufzubauen und am Laufen zu halten. Beim letzten Hornlauf, den er noch selbst organisierte, stand er lange im Ziel und schaute den Läufern entgegen, nicht wehmütig, nur nachdenklich, als würde er sich etwas einprägen wollen. Seine Zeit war eine andere Zeit, er weiß das, und er ist froh, dass er Neumayer beratend zur Seite stehen darf und ein gutes Verhältnis mit seiner Nachfolgerin pflegt. Das ist vielleicht das Schwerste, was ein Mensch je lernt – loszulassen, was man liebt, und darauf zu vertrauen, dass es in guten Händen weiterlebt. Franz Puckl hat es gelernt.
Abends, wenn Going ruhig wird und der Wilde Kaiser im Dunkeln steht, sitzt er in seiner Wohnung und ist bis Mitternacht auf. Manchmal schlägt er eines der alten Heftchen auf, nicht weil er etwas nachschlagen müsste, sondern einfach so – die Seiten vollgeschrieben in seiner kleinen, ordentlichen Handschrift, Daten, Orte, Zeiten, ein Leben, das man anfassen kann. Er trinkt ein Glas Wein dazu, manchmal ein Bier. „Aber ich saufe nicht." Morgen früh schläft er bis zehn, dann frühstückt er, und irgendwann steigt er auf seinen Mopedroller und dreht eine Runde durch Going, den Blick hinauf zum Kaiser – weil er nie aufgehört hat und weil er das gar nicht kann.
Franz Puckl, geboren am 30. Dezember 1935 in einem Zug in Österreich, wohnhaft in Going am Wilden Kaiser, Legende des österreichischen Berglaufsports und dessen „Berglaufpapst": Wir verneigen uns und ziehen den Hut.
Der Kitzbüheler Horn Mountain-Street-Run ist mit 1.234 Höhenmetern auf einer Strecke von 12,9 Kilometern und Steigungen von bis zu 25 Prozent eine wahre Probe für Ausdauer, Willenskraft und Leidenschaft. Der Startschuss erfolgt am Samstag, den 29. August 2026 um 09:30 Uhr in der malerischen Kulisse der Kitzbüheler Innenstadt. Jetzt anmelden: www.hornlauf.at

