Wo warst du...?

  • Sabastian Sawa © TCS London Marathon

Es begann an einem Samstagabend im Oktober 2019, im Wiener Prater. Tausende säumten die Hauptallee, als ein Mann in weiß auf dieser auf und ab lief, so schnell wie kein anderer zuvor…

(Egon Theiner) Der 12. Oktober 2019 war ein Datum, das sich in das Gedächtnis des Laufsports eingebrannt hatte, noch bevor der Abend zu Ende war. Eliud Kipchoge lief auf einer abgesperrten Strecke, begleitet von rotierenden Pacemakern und einem Laserwagen, 42,195 Kilometer in 1:59:40,2 Stunden. Es war kein offizielles Rennen. Es war kein Weltrekord im rechtlichen Sinne. Aber es war der Beweis, dass ein Mensch unter zwei Stunden laufen kann.

Gerhard Wehr war dabei – nicht als Zuschauer, sondern als Mitorganisator. Als COO des Vienna City Marathon leitete er das lokale Organisationskomitee der INEOS 1:59 Challenge, koordinierte vier internationale Projektteams, ließ den Asphalt der Hauptallee erneuern und baute eine Steilkurve, um den zu engen Kurvenradius beim Lusthaus zu entschärfen. Ilse Dippmann, Gründerin des Österreichischen Frauenlaufs, stand an der Zielgeraden, als Kipchoge die Linie überquerte. „Wurde oft mit der Mondlandung verglichen", sagt sie heute. „Und ja, ich habe auch damals so gespürt, bei etwas ganz Besonderem dabei gewesen zu sein."

Sieben Jahre später, am 26. April 2026, fiel die Mauer – diesmal offiziell, mitten in einem Rennen, auf den Straßen von London.

Um 9:00 Uhr morgens fiel der Startschuss zum 46. TCS London Marathon. Unter den Eliteläufern war ein 31-jähriger Kenianer, der in den vergangenen zwei Jahren drei Marathons in jeweils rund 2:02 Stunden gelaufen war – solide, aber nicht außergewöhnlich. Sabastian Sawe. Niemand nannte ihn den Topfavoriten für einen historischen Tag.

Halbmarathon in 60:29 Minuten

Mit Unterstützung der Pacemaker erreichte Sawe die Halbmarathonmarke in 60:29 Minuten – kontrolliert, ruhig. Weltrekordtempo, aber noch nichts Unerwartetes. Die zweite Hälfte würde entscheiden.

Zu diesem Zeitpunkt saß Gerhard Wehr mit seiner Familie auf der Terrasse und machte die Wohnung frühlingsfit. Er hatte das Rennen nicht aktiv verfolgt – und dann kamen die Mittagsnachrichten. „Anfang April hatte ich Hugh Brasher, den Veranstalter des London Marathons, zum Mittagessen in Wien getroffen", erzählt er. „Auf die Zukunft des Weltrekords angesprochen, meinte Hugh nur: ‚The barrier will be broken shortly!' Diese Aussage erscheint jetzt natürlich in einem speziellen Licht – und riecht nach Ansage."

Bei Kilometer 30 stiegen die Pacemaker aus. Sawe übernahm die Führung. Er sah leicht aus – fast zu ruhig für das, was sich gerade entfaltete. Hinter ihm hielt sich Yomif Kejelcha, der Äthiopier bei seinem Marathondebüt.

Günther Weidlinger, ehemaliger österreichischer Rekordhalter von 1500 Metern bis zum Marathon, viermaliger Olympiateilnehmer und heute Organisator des Oberbank Linz Donau Marathon, war an diesem Morgen auf dem Ahornkogel und der Trisselwand in Altaussee unterwegs. Den Zieleinlauf verfolgte er später im Tal – und formulierte danach jenen Satz, den nur jemand sagen kann, der selbst weiß, was es bedeutet, 2:10 zu laufen: „Nachdem ich weiß, welche Trainingsintensität notwendig ist, um 2:10 zu laufen, ist es unglaublich, wie man eine derartige Zeit erreichen kann. Egal ob die Schuhe, die Trainingsgruppen, die Ernährung und Regeneration immer besser werden – die mentale Stärke und die Leistungsbereitschaft muss der Athlet selbst aufbringen. Davor kann man nur den Hut ziehen." Und dann, fast beiläufig: „Ich denke, das ist der Beginn einer neuen Ära. Jetzt wissen alle, dass es möglich ist, unter 2:00 in einem normalen Rennen zu laufen."

13:54 Minuten für fünf Kilometer

Kilometer 35. Sawes 5-km-Abschnitt von 30 auf 35 Kilometer: 13:54 Minuten. Wer jetzt noch Zweifel hatte, legte sie ab.

Ilse Dippmann hatte ihren Sonntag bewusst offline verbracht. Kein Handy, kein Social Media, nur der Garten und die Natur. Um 13:00 Uhr schaltete sie das Gerät wieder ein – und die Stille war sofort vorbei. Unmengen an WhatsApp-Nachrichten. Screenshots mit der Zeit 1:59:30. Kommentare: unglaublich, großartig, ein Wahnsinn. Sie klickte sich sofort in den Rennverlauf, schaute sich den Zieleinlauf an. Ihre Begeisterung galt besonders auch Tigst Assefa, die in 2:15:41 gewann – das ist Weltrekord bei einem reinen Frauenrennen. Und dann kehrte die Erinnerung zurück: an jenen Abend im Prater, an die Zielgerade, an 1:59:40,2. „Ich habe auch damals so gespürt, bei etwas ganz Besonderem dabei gewesen zu sein."

Kilometer 40. Sawes schnellster 5-km-Abschnitt des gesamten Rennens: 13:42 Minuten. Er beschleunigte, während alle anderen begannen zu leiden.

Kathrin Widu, CEO der Vienna City Marathon Group, stand in diesem Moment an der Ziellinie– gemeinsam mit ihrer Familie und Veranstalterkolleginnen und -kollegen. Sie hatte 2019 Kipchoge in Wien erlebt. London war jetzt. Was sie in diesem Moment fühlte, formulierte sie später einfach und klar: „Für mich war es ein grandioser Moment voll von Emotionen. Die Stimmung in der Stadt, insbesondere im Ziel, war atemberaubend. Ich bin dankbar, dass ich diesen Moment so miterleben konnte."

Carsten Eich, OK-Chef des Internationalen Raiffeisen Silvesterlaufs Peuerbach, war an jenem Sonntag als Rennleiter des Uniper Düsseldorf Marathon im Führungsfahrzeug unterwegs, als die Meldung zu ihm durchdrang. „Als ehemaliger Marathonprofi mit einer Bestzeit von 2:10 Stunden hätte ich diesen rasanten Leistungssprung vor ein paar Jahren noch für unmöglich gehalten. Freude über den Rekord und Fragezeichen zu einem zweiten Halbmarathon innerhalb des Marathons in 59:00 Minuten halten sich bei mir die Waage."

Negative Split beim Rekordrennen

Die letzten 2,195 Kilometer lief Sawe in 5:51 Minuten – der schnellste Schlussabschnitt, der je in einem Marathon gemessen wurde.

Franz Sperrer, Organisator des Wolfgangseelaufs, war beim Laufen – traditionell steht bei ihm am Sonntagvormittag eine Ausdauereinheit in den Almauen an. Als er zurückkam, war alles entschieden. „Der erste Marathon unter zwei Stunden war für mich absehbar. Dass es nun aber so schnell geklappt hat, hat mich doch sehr überrascht. Ein starker Impuls für den Marathon – insbesondere aber auch für die afrikanische Jugend, die durch solche Vorbilder noch mehr motiviert ist."

Dieter Heidegger, Organisator des Dreiländermarathons in Bregenz, erfuhr es über die WhatsApp-Gruppe seines Organisationsteams. „Ich musste zweimal hinschauen. Und dann war der erste Griff zum Tablet." Was ihn besonders bewegte: nicht nur Sawe, sondern auch Yomif Kejelcha, der als Zweiter in 1:59:41 ebenfalls unter zwei Stunden blieb. „Wahrlich eine neue Zeitrechnung für den Marathon."

Michael Kummerer, Mastermind hinter „Kärnten läuft" und Organisator des Graz-Marathons, verfolgte das Rennen aus Portugal. Sein Blick war der eines erfahrenen Sportvermarkters, der Kipchoge als Sieger des Wörthersee Halbmarathons noch aus einer anderen Perspektive kennt. „Unglaubliche Leistung, vor allem, dass zwei Läufer die Zwei-Stunden-Marke geknackt haben. Den Kultstatus, den sich Eliud Kipchoge über die Jahre erlaufen hat, müssen sie sich erst noch erarbeiten."

Und dann ist da noch Andreas Berger. Der 1989er Halleneuropameister über 60 Meter, zweifacher Olympiateilnehmer und 27-facher österreichischer Sprintmeister, heute Geschäftsführer der inovent Eventagentur, sah den Zieleinlauf in der Zeit im Bild. Mit 65 trainiert er noch immer Sprint. Und er lieferte den vielleicht präzisesten Kommentar des Tages: „Mit 21 km/h zu laufen geht bei mir knapp 600 Meter – dann ist Schluss. Echt gewaltig, diese Pace über 42 km zu halten."

Wer weiß, wie schnell 21 km/h sich anfühlen, versteht in diesem Satz alles.

Am 12. Oktober 2019 stand Ilse Dippmann an der Zielgeraden im Prater und spürte, bei etwas Besonderem dabei zu sein. Am 26. April 2026 schaltete sie um 13:00 Uhr ihr Handy ein und fand eine Welt vor, die sich verändert hatte.

Gerhard Wehr hatte 2019 die Infrastruktur gebaut, die Kipchoge brauchte, um die Mauer zum ersten Mal einzureißen – inoffiziell, aber real. Was in Wien begann, vollendete sich in London. Er hatte die Mauer mitgebaut. Und miteingerissen. Es hatte sieben Jahre gedauert. Und dann waren es 1:59:30.

 

Webtipp:

www.londonmarathonevents.co.uk/london-marathon

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